Agathosune

Sie war vom eigenen Körper verschluckt worden. So stellte sich ihr Zustand für sie dar. (Aber nur nicht in Panik geraten. Dies war der Weg nach draußen.) Nichts ließ sich hier vorhersehen. In tiefster Dunkelheit sah sie sich ihres Augenlichts beraubt. Unmittelbar traf sie also jede Wahrnehmung. Unwillkürlich war deshalb auch jede ihrer Reaktionen. … Der liebliche Duft von Rosenholz stieg ihr in die Nase. Es knarrte und sie versank ein kleines Stück tiefer. Um sie herum begann es zu rascheln. Sie spürte ein trügerisches Kitzeln auf ihrer Haut. Alle Glieder zogen sich zusammen, soweit ihnen das an der kurzen Leine, an die sie sie gelegt hatten, überhaupt noch möglich war, während sich die Fingernägel tiefer in den kühlen, seidenweichen Untergrund eingruben. Sie biss fester zu. Der herbe Geschmack von Leder auf ihrer Zunge. Warmer Speichel sammelte sich in ihrem Mund. Sie war ganz nervöse Anspannung. (Gleich geht’s los.) … Es hatte wieder begonnen gehabt. Bis sie den Weg hierhergefunden hatte, hatte sie sich allmählich immer fremder in der eigenen Haut gefühlt. Und mit jeder Regung ihrer Muskeln war nicht nur die Fremdheit in ihr angewachsen. Immer eigenwilliger war dabei auch diese ihre Haut geworden. Bald hatte sie sich wieder regelrecht besessen gefühlt. Hier warf es sie nun förmlich hin und her, rüttelte und schüttelte sie durch. Sie kannte das. (So hilflos, da musste es sich ja mit einem Mal verschlimmern.) Sehnsüchtig, geradezu gierig und mit jeder Sekunde, die verstrich, ungeduldiger werdend, wartete sie auf den Anfang. … Da empfing sie, was zu empfangen sie mit ihrem ganzen Sein so dringend begehrt hatte, wonach sie sich in diesem Augenblick verzehrte: Beim ersten Mal explodierte arktisches Blau mit einem markerschütternden Pfeifen vor ihrem inneren Auge. Der hohe Ton betäubte alle anderen Sinne. Als er abgeklungen war, hörte sie ein Schnaufen. Es dauerte einen Moment, bis sie mit Genugtuung feststellen konnte, dass ihre eigene Lunge es war, die da so schwer arbeitete. (Es hat seine Wirkung nicht verfehlt.) Das zweite Mal durchflutete sie eine Welle von glühendem Rot und hinterließ ihr einen brennenden Schmerz. Binnen Sekunden verwandelte der sich in ein dumpfes Pochen ihres Unterleibs. Wie ihr jetzt der Schweiß auf die Stirn trat, registrierte sie wohlig erschauernd. (Ein Stück nur noch, fast wieder an der Oberfläche.) Das dritte Mal folgte nicht sogleich. Sie musste erst ein wenig warten. Eine kleine Pause, die sie nutzte, um das Lustgefühl wiedergewonnener Selbstbeherrschung auszukosten. (Lass dir dies nur eine Lehre sein.) Dann schlug das Gelb der Sonne in ihr Bewusstsein ein. (Das war’s.) Der Krater führte an die lichte Oberfläche. Sie war nur kurz geblendet. Als sie wieder klar sehen konnte, waren jene spastischen Zuckungen ihres Körpers nur mehr ein devotes Zittern. Bald würde sie sich wieder ganz fest im Griff haben. (Süßes Vergessen.) Sie war befriedigt.


Adrian Brauneis, 22. August 2021

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