Fremdkörper

Was war es gewesen, ein Stück Knorpel, gar Knochen oder bloß ein großes Pfefferkorn?

Eleanor wusste es nicht. Als sie aber in den Badezimmerspiegel ihrer Schwester blickte, fand sie voll Grauen bestätigt, was ihre Zungenspitze sie hatte befürchten lassen.

Was immer es gewesen war, es hatte sie eine Ecke ihres rechten Schneidezahns gekostet!

Vorsichtig, als glaubte sie noch, sich sanft aus einem bösen Traum aufwecken zu können, betastete sie die Bruchstelle mit dem kleinen Finger ihrer linken Hand.

Es war kein Traum. Ein Stück ihres Zahns fehlte tatsächlich.

Reflexartig zog Eleanor ihre Hand zurück, um diese dann sogleich, unterstützt von ihrer rechten Hand, ihren Mund verschließen zu lassen. Schon hatte der sich zu einem Aufschrei weit öffnen wollen.

Verschreckten Kaninchen gleich schossen zwei Augäpfel in ihren Höhlen wild von einem Ende ans andere, indessen eine Gänsehaut Arme und Beine zu überziehen und kalter Schweiß auf Eleanors Stirn zu treten begann.

Ein Klopfen an der Tür ließ sie instinktiv zusammenzucken. Natürlich hatte sie Aita mit ihrem Verhalten stutzig gemacht. Ob alles in Ordnung sei, war eine so naheliegende Frage, wie die einsilbige Bejahung derselben in Anbetracht ihres überstürzten Aufbruchs vom Essenstisch eine unzureichende Antwort war.

Eine Welle der Dankbarkeit war rasch abgeebbt, als Aitas Schritte sich wieder entfernt hatten und Eleanor neuerlich ihrem Spiegelbild zugewandt war.

Ihre Stirn legte sich in Falten und Zähne knirschten, während Eleanor, den Kopf schüttelnd, wütend die Luft aus ihren geblähten Nasenlöchern ausstieß.

Sie ging, einem Impuls folgend, in die Knie. Was suchte sie in dem Schränkchen unterhalb des Waschbeckens? Sie wusste es erst, als sie es gefunden hatte.

Aita war gut ausgerüstet. In einem kleinen schwarzen Lederetui mit Reisverschluss fand Eleanor neben einer Nagelschere, einer Feile, einer Pinzette und anderen kosmetischen Accessoires auch eine kleine Zange. Sie war, wie Schere und Pinzette, aus rostfreiem, silberglänzendem Edelstahl und rund neunzig Millimeter lang. Die beiden flachen Hälften des Endstücks, die so genannten Wangen, waren je fünf Millimeter breit. Die Zange mochte zur Entfernung von Haaren dienen.

Es sollte genügen.

Einen Augenblick hatte sie das kleine Werkzeug auf ihrer Handfläche gewogen, dann führte Eleanor Daumen und Zeigefinger ihrer rechten Hand durch die Augen des Griffs. Sie packte sich den verräterischen Zahn und verstärkte den Druck, indem sie ihre linke Hand um die rechte Hand, in der sie die Zange führte, schloss und, so fest sie konnte, zudrückte.

Bevor sie an dem Zahn, der für sie nunmehr nur noch ein Fremdkörper war, zu ziehen begann, fixierte Eleanor, deren Stirn nun wieder trocken, deren Haut nun wieder glatt war, mit starrem Blick ihr Spiegelbild.

Zuletzt schüttelte sie noch einmal den Kopf. Das war kein wütendes Kopfschütteln mehr. Es war eher das Kopfschütteln trauriger Pflichterfüllung. Wie eine Mutter, die ihrem ungezogenen Kind sagte, sie hätte es ja gewarnt, bevor sie der Pflicht oblag, ihre Drohungen wahr zu machen, schüttelte Eleanor ihren Kopf.

Dann zog sie.

Ihre Augen wollten sich schließen, während ihr ganzer Körper sich verkrampfte, aber sie duldete es nicht. Unverwandt starrte sie ihr Spiegelbild weiter an.

Sie zog.

Sie zog, solange, bis die Wurzel mit einem großen Ruck nachgab. So groß war die Kraft gewesen, die Eleanor ausgeübt hatte, dass sie sich beinahe um die eigene Achse gedreht hätte, als dies geschah.

Achtlos ließ sie Zange und Zahn in das Waschbecken fallen und spuckte Blut und Speichel darauf. Es war die verachtungsvolle Geste, mit der ein Kampf beendet wurde, bei dem es keine Regeln zu befolgen gab.

Die Siegerin hob ihren Kopf und schaute wieder in den Spiegel. Blut, das beständig aus der offenen Wunde in ihrem Kiefer rann, vermischte sich in Eleanors Gesicht mit einem Lächeln.

Auch das war kein Traum.


Adrian Brauneis, 13. August 2021

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