Gräuel des Körpers

Am Ende einer Nacht voller unruhiger Träume erwacht F. mit großem Unbehagen. Ob er noch unter dem Eindruck jener Träume steht? Nein, das ist es nicht. Die Träume waren wohl ein Symptom, aber nicht die Ursache dessen, was ihm jetzt Unbehagen bereitet. Etwas ist anders mit ihm. Mit seinem Körper ist etwas anders. Er spürt nicht nur, dass er weniger Herr über seinen Körper ist; er fühlt sich nicht nur fehl am Platz in seiner Haut. Allmählich wird es für ihn zu einer Gewissheit, dass der Körper, der eben seine Augen geöffnet hat, ganz entschieden sein Feind ist. F. fühlt sich von jeder Faser dieses Körpers abgestoßen.

Was er sieht, seit sich die Lieder geöffnet haben, ist nicht mehr das, was er sieht. Er sieht mit den Augen, was der Körper sieht, nimmt mit dem Körper nur noch wahr, was der Körper wahrnimmt. Was F. wahrnimmt, wenn er nicht mit den Sinnen dieses Körpers sieht, hört, schmeckt, riecht und fühlt, ist das Innere eines weiß gestrichenen quadratischen Raumes, weiße Wände, weißer Boden, weiße Decke, die nahtlos in einander übergehen, keine Türen oder Fenster, auch sonst keine Ein- oder Ausgänge irgendwelcher Art. F. will schreien und schreit. Aber der Schall prallt von allen Seiten ab und auf ihn zurück. F. ist benommen; jetzt wird ihm übel.

Der Körper hat einen schrillen Tinnitus im Ohr. F. spürt, wie er sich schüttelt, seine Ohrmuscheln beklopft, dabei den Kopf leicht geneigt haltend, erst die linke, dann die rechte, wie er schließlich auf beiden Seiten mit einem Finger in seinen Gehörgängen bohrt. Der Tinnitus schwillt an und ab, aber verschwinden tut er nicht. Der Körper krächzt und würgt wiederholt, mit einer Hand den Hals massierend. Mit jedem Krächze dringt ein frostiger Luftzug in den weißen Raum. Von wo? Und mit jedem Würgen fühlt sich F. ein Stück in die Höhe gehoben, je länger und tiefer das Würgen desto höher, den schwarzen Umrissen der Augenhöhlen entgegen.

Beim ersten Klopfen aus weiter Ferne erstirbt das Würgen und F. fühlt sich fallengelassen. Beim zweiten fühlt er, wie der Körper seine Sinne schärft. Verzweifelt versucht er auf sich aufmerksam zu machen. Aber wieder brandet der Schall bloß zu ihm zurück. Und der Tinnitus schwillt wieder an, was den Körper nur weiter erbost. Der setzt die Füße auf den Boden und ist mit zwei Schritten bei der Tür. Als diese sich einen Spalt öffnet sieht F. ein fremdes Gesicht, dass den Körper mit einem Lächeln begrüßt. Stimmen hört er zwar, verstehen aber kann er sie nicht. Was da gesagt, ist für ihn nur weißes Rauschen. Die Tür wird wieder geschlossen.

Was Außen nur ein Pochen der Knöchel an die Schläfen ist, bringt F. im Innern zum Zittern. Noch zitternd sieht er seinen Körper nach einer halben Drehung dem Badezimmer zugewandt. Das betritt er schon, als es noch panisch in ihm aufschreit. Hier scheint im Spiegel ein Gesicht, das gestern noch F.ʼs war. »!« Jetzt will es ihn nicht mehr zum Ausdruck bringen. Mit festem Griff umfasst der Körper den Beckenrand. »!« Dann schließt er die Augen. Im Dunkeln spürt F. wie er sich über den Ausfluss beugt. »???!!!« Einen Moment blendet ihn gleißendes Licht, als F. sich aufgehoben Sieht. Der Körper ächzt und würgt, eine milchige Flüssigkeit ausspuckend. Dann dreht den Wasserhahn auf und sieht die letzten Reste im Abfluss verschwinden.

Der Körper bürstet sich die Zähne und gurgelt Mundwasser. Er nimmt eine Dusche. Das Wasser dampft, es ist brühend heiß. Dann reckt er sich und streckt er sich. Wieder klopft es an der Zimmertür. Erfrischt und beschwingten Fußes geht er sie öffnen. Zum ersten Mal sieht er dem Rest seines Daseins hoffnungsfroh entgegen.


Adrian Brauneis, 07. August 2021

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