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KREATIVES SCHREIBEN

Textproben von Adrian

Alle Rechte liegen beim Autor.

 

GEDICHT

Das Mängelwesen

Du blickst ins Wasser, da,
Stoß um Stoß, und auch der Strömung trotzend, – allein 
du hörst und du siehst, ganz gläsern ist sie, sicher kaum etwas von ihr –
schwimmt, mit vierundzwanzig Augen sieht sie gut, in dem sehr
blauen Meer, Chironex Fleckeri, – die listige Seewespe. 
Gefährlich? Tödlich! Wenn sie, glockenförmig, wirbellos, dich sticht mit ihrem Gift, 
das sensible Nesseltierchen, sei es nur ein einziges Mal, 
wie Eisen, frisch aus der Glut gezogen, täusch dich in dir nicht!,
– sie ist groß, rund und schwer und hat sechzig klauenförmige Tentakel
und du, Mensch, badest, so wie du bist – dann sagt man:
»Das überlebst du nicht!«

 

VOLKSLIED

Das Lied von der Zeche

Das Fest war lang, das Fest war schön.

Es war ein sorgloses Beisammensein. 

Jetzt ist’s soweit, beim ersten Sonnenschein,

Hört hie und da und überall man ein Gestöhn.


Man hat geschmaust, mit Saus und Braus,

verhurt, verzehrt, verzecht und viel gelacht,

die ganze Zeit. Nur hat an diese nicht gedacht.

Der Morgen überrascht das wüste Haus.  


Das Fest war lang, das Fest war schön.

Es war ein sorgloses Beisammensein. 

Jetzt ist’s soweit, beim ersten Sonnenschein,

Hört hie und da und überall man ein Gestöhn.


»Meine Herrn, meine Damen, die Nacht,

die ist vorbei, und ich hab, nach all der Gier, 

für sie, s tut mir leid, die Rechnung hier.« 

Das sagt der Wirt in schwarzer Tracht.


Das Fest war lang, das Fest war schön.

Es war ein sorgloses Beisammensein. 

Jetzt ist’s soweit, beim ersten Sonnenschein,

Hört hie und da und überall man ein Gestöhn.


Bei dieser hier hat das Herz versagt.

Und der da war so voll, geplatzt ist er!

Doch jener dort? Noch röchelt der…

»Jetzt ist Schluss. Mein Herr, es tagt!«


Das Fest war lang, das Fest war schön.

Es war ein sorgloses Beisammensein. 

Jetzt ist’s soweit, beim ersten Sonnenschein,

Hört hie und da und überall man ein Gestöhn.

 

SZENE

Abendmahl

Vorhang auf. Die Bühne liegt noch im Dunkeln. Wir hören den Beginn von Beethovens neunter Sinfonie. Die Bühne wird erleuchtet. Wir sehen eine festliche Abendgesellschaft. Comte und Comtesse haben zum Dinner geladen. Der Gastgeber sitzt am Kopf des Tisches, die Gastgeberin am Tischende. Duc und Ducesse sind die Ehrengäste. Er sitzt zur Rechten der Gastgeberin. Sie sitzt zur Rechten des Gastgebers.

Comtesse: Verehrter Duc, wir dürfen darauf hoffen, einen Gourmet, wie Ihr es seid, nicht ganz enttäuscht zu haben? Wir haben es uns erlaubt, Euch ein Stück unserer jüngsten Schiffsladung zu servieren…

Duc: (Der Duc, ganz Kavalier, knüpft mit verbindlichem Lächeln an.) Und ein so zartes Stück Fleisch, werte Comtesse, habe wir selten verspeist. Unglücklicherweise haben wir dieser Tage viel zu selten die Gelegenheit, etwas Indigenes aus Übersee zu genießen. Grobe Fehler bei der Zucht sind zu beklagen. Man hat nicht nachhaltig gewirtschaftet.

Vicomtesse: (Sie sitzt zur Rechten des Duc.) Hoch verehrter Duc, wir können Euch nicht entschieden genug beipflichten. Wir wollen es nicht glauben, die Andronici sah sich bei ihrer letzten Abendgesellschaft tatsächlich genötigt, einen ihrer Zimmerburschen für das Dinner zu entbehren. Unmöglich hätte der Maître de Cuisine das ganze Menü ohne den Knaben zubereiten können.


Chevalier: (Er sitzt zur Rechten der Vicomtesse.) Verehrte Vicomtesse, in allen Küchen fehlt es heute am Nachwuchs. Schon ist man gezwungen, bei der Zusammenstellung seiner Menüs mit den jüngeren Generationen der eigenen Ländereien zu planen. Allein, die Vorlieben, die unsereiner pflegen, sind hierzulande ja verbreitet genug. Natürlich fürchtet man also, unsere Gaumen befriedigen zu müssen. Was die Speisen, wir bitten untertänigst um Verzeihung, leider weniger leicht verdaulich macht. Es ist ein Elend, das uns mit einer Wehmut an die Tage unseres Garnisonsdienstes zurückdenken lässt, die uns dieses Festessen umso teurer macht. (Er sucht mit dezentem, aber untertänigem Blick die Anerkennung von Comtesse und Comte.)

Comte: (Zur Rechten des Chevaliers sitzend, lässt er sich zu einem beifälligen Nicken herab.) Es ist uns nicht unbekannt, dass man jenseits des Ozeans am heutigen Tage beim Dinner widertreffen konnte, wem man gestern noch auf dem Schlachtfeld begegnet ist. Man hört, Sie selbst haben es sich jenseits unserer Grenzen wohl zu schmecken wissen lassen, Chevalier. – (Der Comte, sich an die Ducesse wendend, fährt mit einem gesucht konspirativen Lächeln fort.) Verehrte Ducesse, der Chevalier, müsst Ihr wissen, hat eine besondere Schwäche für die Wilden.


Ducesse: (Sie sitzt zur Rechten des Comte.) Wir wollen sie ihm, werter Comte, verzeihen, und müssen gestehen, selbst nicht mehr widerstehen zu können, seit man uns auf den Seychellen mit der Leber eines kreolischen Lämmchens verwöhnt hat. Drei Minuten beidseitig in Olivenöl gebraten – ganz excellente.

Vicomte: (Er sitzt zur Rechten der Ducesse.) Hoch verehrte Ducesse, in der Tat, in der Tat! Auch wir hatten schon einmal das große Vergnügen, uns in unserer schönen Kolonie an dieser Köstlichkeit der Einheimischen erfreuen zu dürfen. Verehrter Comte, verehrte Comtesse, Ihr gestattet, wir aßen sie mit Dijon bestrichen und in einer Orangensauce getränkt. Das verleiht dem Gericht eine süße Note. Délicieux, in der Tat! – Doch kein Vergleich mit unserem heutigen Mahl! (Mit einem Nicken des behaglich lächelnden Kopfes erweist er erst dem Comte, dann der Comtesse seine Reverenz.) Aber was sagt unsere Freundin, die werte Baronesse? Wir müssen, Comtesse, hoffen wir, nicht befürchten, der Baronesse mit unserem, wollen wir sagen, mit unserem Sinn für ein unverbildetes Menschsein fremd zu bleiben?


Comtesse: Wer von uns, werter Vicomte, könnte der Versuchung durch die Vorzüge der Jugend schon widerstehen! (Sie nimmt einen Bissen mit ihrer Gabel. Mit geschlossenen Augen kauend, wirkt sie entrückt.) – Täuschen Sie sich nicht, werter Vicomte, die Baronesse ist eine Dame, die auch an einem unzivilisierten Menschen Geschmack zu finden weiß. Nun, meine Teure, was sagen Sie zu unserer Tafel?

Baronesse: Hoch verehrte Comtesse, mit Eurer Erlaubnis, gestatten wir uns, ehrerbietigst, die Bemerkung: Es gibt keine Sünde, die groß genug wäre. Uns vergibt man alles. – (Mit einem Schnippen des kleinen Fingers ihrer Rechten bringt die Baronesse ihr Weinglas zum Klingen.) Solange wir nur mit Stil sündigen. Das versteht sich. Comique, nʼest-ce pas?

Comtesse: (Die Comtesse fühlt sich im Innersten berührt. Sie reicht der Baronesse ihre Linke zum schwesterlichen Händedruck und spricht, während ihr verschleierter Blick über die Tafel wandert.) Meine Freunde, Freundinnen, Ihr seht uns bewegt! Wir wollen auf Euer, auf unser aller Wohl das Glas erheben!

Comte: (Der Comte erwidert der Comtesse mit nachsichtiger Erhabenheit.) Einen Toast unserer guten Gesellschaft zum Wohl, – und wer auch nur eine Seele sein nennt, mische seinen Jubel drein!


Allgemeiner Jubel, der abebbt, während das Licht allmählich erlischt. Als die Bühne wieder ganz im Dunkeln liegt, hören wir das Läuten eines Nebelhorns. Vorhang zu.

 

KURZGESCHICHTE

Freakish

Spät nachts hält ein aquamarinfarbener Buick auf dem verlassenen Jahrmarktsplatz. Es ist stürmisch. Der Motor verstummt. Dumpf trommelt der Regen auf das Autoblech.
»Also, Patty«, sagt Tony, »da wären wir.« 
Oder war es Chris, die das gesagt hatte? Patty war es unmöglich, die beiden auseinanderzuhalten. Nicht, dass ihre verblüffende Ähnlichkeit sie groß von den anderen Schwestern unterschieden hätte. Die trugen nicht nur alle die gleiche Verbindungskluft, sondern sahen sich auch alle genauso zum Verwechseln ähnlich.
Das Licht der Scheinwerfer lüftet den Vorhang der verregneten Finsternis. Patty beäugt das Gelände. Beim Anblick der maroden Jahrmarktswagen, die den Platz in einem Halbkreis säumen, muss sie schwer schlucken. War die Schwesternschaft ihr das wirklich wert? ›Eine Nacht da draußen mit den Freaks verbringen!‹ Und vermutlich, denkt Patty, hatte man Tony und Chris auch noch damit beauftragt, ihr ein paar Mal ordentlich Angst einzujagen. Weshalb wollte sie diesem elitären Weiberclub eigentlich gefallen? 
Aber was soll’s. Nun war sie hier. Jetzt konnte sie die Sache auch ebenso gut über die Bühne bringen! 
Patty gibt sich einen Ruck und öffnet, ausgerüstet mit einer Taschenlampe, die Fahrertür. Als sie sich nach ein paar Schritten noch einmal umdreht, sind Chris und Tony schon verschwunden. Bei dem anhaltenden Regen musste sie ihre Schritte überhört haben. Sie wendet sich wieder den Jahrmarktswagen zu. Einer so gut wie der andere, denkt Patty, und betritt den ihr am nächsten stehenden Wagen. 
Soweit so gut. Eigentlich ganz gemütlich, denkt sie. Sieht fast so aus, als würde hier noch jemand wohnen. Dabei sollte der Jahrmarkt doch schon seit Jahren verwaist sein. Auf einer Kommode findet sie eine Reihe gerahmter Fotografien. Das wird wohl ein Familienportrait sein. Patty betrachtet gerade das Bild von zwei kleinwüchsigen Erwachsenen und einem Mädchen, bei dem es sich wohl um die Tochter des Paars handeln wird, als ein markdurchdringender Schrei die Szene erschüttert. Sofort stürzt sie nach draußen.
Atemlos kommt Chris, vielleicht ist es auch Tony, über den Platz, vorbei an dem Buick und auf sie zu gerannt. Weitere Schreie folgen ihr auf den Fersen. Sollte das ein Versuch sein, Patty zu erschrecken, war er gelungen! Reflexartig langt Patty in ihrer Jackentasche nach den Autoschlüsseln.
»Was ist denn passiert?« 
Patty hat die Frage kaum gestellt, da hat Chris oder Tony sie schon am Kragen ihres Lederblousons gepackt. 
»Schnell!«
Die andere zerrt Patty buchstäblich hinter sich her, bis sie hinter einem der Jahrmarktswagen verschnaufen muss. 
»Was ist denn los?« 
Sie versucht es noch einmal, ist aber noch immer nicht sicher, ob man ihr gerade einen bösen Streich spielt. 
»Ein Monster, Patty! Ich schwöre es dir!« 
Tony oder Chris ist noch nicht wieder richtig zu Atem gekommen, als sie Patty nun anfaucht. 
»Mach bloß die Taschenlampe aus! Es sieht uns.« Sie senkt die Stimme. »Wir sind in einen der Wagen gegangen. Da war jemand drin. Ein Mensch, der aussah wie eine Echse!« 
Ganz perplex, versucht Patty sie zu beruhigen, muss sich aber, ihr wachsendes Unbehagen bekämpfend, Mühe geben, dabei zuversichtlich zu klingen. 
»Ganz ruhig.« 
Sie will Tony oder Chris in den Arm nehmen, aber die wehrt sie energisch ab.
»Du hast ja leicht reden. Was, wenn das Ding irgendwie ansteckend ist? Wenn ich mir bei dem jetzt irgendwas weggeholt habe?«
»Pst, ihr beiden. Hier oben!« 
Das Flüstern kommt aus einem vergitterten Fenster über ihnen, hinter dem eben ein Licht angegangen sein musste. Einen Moment zuvor war alles noch dunkel gewesen.
»Holt mich hier raus! Ich bin der Direktor. Die Zirkusfreaks haben revoltiert. Sie haben mich eingesperrt! Bitte! Sie werden mich umbringen! Holt mich hier raus!«
Nachdem sie vorsichtig um die Ecke gelugt haben, wagen die beiden Mädchen es, sich um den Wagen herum zu schleichen. Die Tür ist von außen mit einem großen Bolzen verriegelt. Auch das Fenster in der Tür ist vergittert. An die Stäbe klammert sich ein bärtiger und etwas verwahrloster, aber wohlgenährter und durchaus nicht unattraktiver Mann in dem abgetragenen Kostüm eines Zirkusdirektors. Die jungen Frauen hätten ihr Erstaunen nicht verbergen können, selbst wenn sie es versucht hätten. 
»Was ist hier los?« Patty glaubt nicht mehr an einen schlechten Scherz. »Man hat den Jahrmarkt doch schon lange aufgegeben.« 
»Ja!« Der bärtige Mann fleht. » Sie halten mich hier schon seit Jahren gefangen! Dabei war ich immer so gut zu ihnen. Bitte, ich bitte euch, holt mich hier raus!«
Tony oder Chris hatte die Tür schon öffnen wollen, aber Patty hält sie zurück. Besonders viel Vertrauen flößt der bärtige Mann ihr nicht ein. 
»Was tust du denn?« 
»Wir wissen doch gar nicht, wer das ist!« Patty insistiert. »Wir sollten einfach zum Auto zurück gehen und die Polizei holen!«
Ein träges Schlurfen über den Schotter lässt die beiden Frauen gleichzeitig zusammenzucken. Jetzt gibt es für Tony oder Chris kein Halten mehr und Patty folgt ihr sogleich instinktiv in das Innere des Wagens. Sofort ist die Tür von innen verbarrikadiert. 
Zumindest vorläufig hatten sie sich schon in Sicherheit gewähnt, als sie einen pummeligen Zwerg, bewaffnet mit einem Messer, einer Luke im Boden entsteigen sehen. Der bärtige Mann, durch die entsetzten Blicke alarmiert, dreht sich um und reagiert blitzschnell. Mit einer seiner großen Hände schnappt er sich Tony oder Chris und begräbt den Zwerg unter ihr. Ein Schrei ist zu hören, der weniger Schrecken oder Schmerz als Ekel zu verkünden scheint, dann herrscht Stille. 
»Sind Sie verrückt geworden!« 
Patty stürzt an dem Mann vorbei. Vorsichtig rollt sie den Körper zur Seite. Hilflosigkeit steht dem Zwerg ins Gesicht geschrieben. Sie ist tot. Sein Messer hat das Mädchen direkt ins Herz getroffen. Patty ist so schockiert wie der pummelige Zwerg. Zu spät wird ihr bewusst, dass sich der Mann an sie herangepirscht hat. Schon hat er Patty beim Schopf ergriffen. 
»Bleib zurück!« Der Zirkusdirektor brüllt den Zwerg an, der wieder zur Besinnung gekommen ist. »Oder ich drehe der Göre den Hals um!« 
Von einem Knurren des Zwergs begleitet, zerrt der bärtige Mann Patty an den Haaren in die Nacht hinaus. Hier erwartet ihn mit seiner Geisel bereits eine ganze Reihe kurioser Gestalten: 
Ein zotteliger Wolfsmensch mit spitzgefeilten Zähnen, ein Schrumpfkopf, der sich Mühe geben muss, bedrohlich auszusehen, ein siamesisches Zwillingspaar und eine Zwergendame und tatsächlich auch ein Mensch mit schuppiger Echsenhaus. Unbeeindruckt wiederholt der Mann seine Drohung. Aber niemand weicht einen Schritt zurück. Im Gegenteil. Bald sind Patty und der Zirkusdirektor regelrecht umzingelt.
»Ich warne euch! Wollt ihr das die Kleine stirbt!« 
Jetzt erst lüftet sich die undurchsichtige Wand und gibt den Blick wieder auf das Auto frei. Langsam, aber sicher arbeitet sich der Zirkusdirektor mit Patty zu dem Buick vor. 
»Rein da! Die Schlüssel! Her damit!« 
Mit einer Hand am Steuer braust der bärtige Mann davon.
»Was sagt man dazu!« Er zischt die sich heftig wehrende Patty an. »Ein Hauptgewinn! Du wirst meine neue Hauptattraktion. Eine echte Missgeburt wäre mir natürlich lieber. Aber wartʼs nur ab. Aus dir machen wir schon noch einen richtigen Freak!«
Schon glaubt Patty sich verloren, als sie aus den Augenwinkeln sieht, wie die Schatten auf dem Rücksitz lebendig werden. Es ist der Zwerg! Mit einem beherzten Satz stürzt er sich nach vorn. Überrumpelt wirbelt Pattys Entführer herum, hatte aber das Lenkrad nicht losgelassen. Das Auto kommt ins Schleudern und überschlägt sich schließlich vollends.
Als erstes kriecht der Zirkusdirektor aus dem Wrack hervor. Auch der Zwerg ist schon wieder auf den Beinen und scheint nun ungeahnte Kräfte zu mobilisieren. Dem großen Mann kann er jedoch nicht lange standhalten. Der wirft ihn zu Boden und seine schweren Fäuste hämmern auf den kleinen Körper ein. 
»Jetzt bring ich dich um, du Made!« 
Schon will er zum Todesstoß ausholen, als ihn ein Schlag von hinten niederstreckt. Mit einem Wagenheber in der Hand ragt Patty über ihm auf. Sie würde ihn erschlagen haben, hätte ein schwaches Zupfen am Schlag ihrer Jeans sie nicht zurückgehalten. Mit allmählich verebbender Wut und sinkenden Händen blickt Patty in die Augen des schwer verletzten Zwergs, als dieser seinen letzten Atemzug tut.
Zu spät kommen die anderen herbeigeilt. Sie waren dem Wagen so schnell sie nur konnten gefolgt. Der Anblick ihres toten Kameraden lässt sie erstarren. Als erstes beginnt die Zwergendame sich wieder zu rühren. Sie hat Tränen in den Augen. Es ist unverkennbar. Mitfühlend legen die Zwillinge ihr zwei Hände auf die Schulter und führen sie beiseite. Der Echsenmensch tritt an ihrer statt hervor und nimmt mit einem wehmütigen Zischen den toten Zwerg in seine Arme. Zuletzt erscheint der Schrumpfkopf. Zu Pattys großer Überraschung führt er Chris oder Tony mit sich. Sie hat eine Platzwunde am Kopf und wirkt benommen, scheint ansonsten aber wohlauf zu sein. Jeden Blickkontakt vermeidend, übergibt er die junge Frau an Patty, bevor er sich dem bärtigen Mann zuwendet, der sich schon wieder regte. Der Schrumpfkopf nimmt sich einen Arm und der Wolfsmann kommt ihm auf der anderen Seite zur Hilfe. Gemeinsam, der Zwergendame, den Zwillingen und dem reptiliengleichen Mann folgend, ziehen sie mit dem halbohnmächtigen Zirkusdirektor ab. 
Fassungslos blickt Patty den Gestalten nach, während sich hinter ihnen der Vorhang wieder schließt. 
Wieviel Zeit war inzwischen vergangen? Es kann nicht mehr als eine halbe Stunde her sein, dass sie den Jahrmarktsplatz betreten hat. In dieser kurzen Zeitspanne aber war ihre ganze Welt vom Kopf auf die Füße gestellt worden.

 

NOVELLE

Das Martyrium des Monsieur René Dubois

René Dubois war das, was man einen großen Geist nennt. Sich ganz dem Geschäft der transzendentalen Philosophie widmend, hatte der Gelehrte, soweit man sich zurückerinnern konnte, die Gesellschaft anderer Menschen, jedenfalls solcher aus Fleisch und Blut, stets gescheut, bis er sich vollends von ihnen zurückzog. Wenige Wochen später hat er Selbstmord begangen. In dem geräumigen Esszimmer seines Elternhauses, ein prächtiger Altbau mit drei Stockwerken, den er mittlerweile allein bewohnte, hat Monsieur Dubois im Lotussitz Platz genommen, sich mit Benzin übergossen und anschließend selbst in Brand gesetzt.
Monsieur Dubois war ein Mann von eisernen Gewohnheiten. Nach dem Frühstück brach er werktags jeden Morgen in Richtung unserer ehrwürdigen Universität auf, wo man ihn allseits als Lektor schätzte. Auf dem Heimweg hielt er im Gemischtwarenladen von Madame Marie Morisseau, um Lebensmittel für das bevorstehende Dinner und das Frühstück des kommenden Morgens einzukaufen. Die Wochenenden verbrachte Monsieur Dubois, wenn die Gebäude für Studierende geschlossen waren, in den Lesesälen der universitären Bibliothek.
Alles scheint uns dafür zu sprechen, dass Monsieur Dubois sein Leben in diesen geordneten Bahnen beschlossen haben würde, wäre er nicht das Opfer eines Überfalls geworden. Monsieur Dubois hatte seinen Angreifer nicht kommen sehen. Natürlich steckte seine Nase tief in einem Buch. Der Gelehrte war den Weg von seinem Haus zur Universität und von der Universität zu Madame Morisseaus Gemischtwarenladen und von dort wieder zu seinem Haus zurück schon so oft gegangen, er hätte ihn mühelos auch mit verbundenen Augen gehen können. Aus seiner Lektüre wurde er herausgerissen, als aus dem Nichts eine saftige Ohrfeige in seinem Gesicht explodierte. Zeugen berichteten uns von einem »lauten Klatschen«. Der Schlag warf Monsieur Dubois zu Boden. Sein Angreifer, man hat den Mann und sein Motiv bis heute nicht ausfindig machen können, war bereits verschwunden, als Passanten herbeieilten, um dem entgeisterten Gelehrten beizustehen. Dieser aber wehrte jede Hilfe ab und ergriff seinerseits die Flucht.
Zunächst hatte wohl niemand dem Ereignis große Bedeutung beigemessen. Bald stellte man jedoch mit Verwunderung fest, dass Monsieur Dubois seine allwöchentlichen Besuche in der universitären Bibliothek eingestellt hatte. Plötzlich hielt er nicht mehr täglich bei Madame Morisseau, sondern zunächst nur noch jeden zweiten Tag und schließlich nur noch einmal die Woche. Und zuletzt erschien er in der Universität nur noch unregelmäßig, um seine Lektionen zu geben.
Im gleichen Maße, wie sein Auftreten in der Öffentlichkeit immer seltener wurde, nahm das Verhalten von Monsieur Dubois, soweit man ihn sein Haus nun noch verlassen sah, immer wunderlichere Züge an. Man traf ihn dabei an, wie er seine Hände gedankenverloren inspizierte, als halte er in ihnen etwas, das er nie zuvor gesehen hatte. Man beobachtete ihn dabei, wie er, scheinbar in Trance verfallen, das eigene Gesicht vorsichtig betastete, als fühlten seine Fingerspitzen etwas, das sie nie zuvor berührt hatten. Jemand ertappte ihn dabei, wie er mit beiden Händen Schalen über seinen Ohren formte, ganz so, als sei er ein Sommerfrischler, der am Strand dem Rauschen des Meeres in einer Muschel nachlauscht. Einen anderen versetzte es in Erstaunen, ihm dabei zu begegnen, wie er die eigene Nase in seinen Achselhöhlen vergrub, und einen dritten verstörte der Anblick von Monsieur Duboisʼ weit geöffnetem Mund, in dem sich seine Zunge bei dem Versuch, sich selbst zu schmecken, buchstäblich überschlug. Es war, berichtete uns unsere Quelle, als beobachte man ein kleines Kind bei dem Versuch, über den eigenen Schatten zu springen.
Sah man ihn nicht gerade derart in der einen oder anderen Weise beschäftigt, konnte man Monsieur Dubois dabei beobachten, wie er etwas vor sich hin zu murmeln schien. Lange blieb unklar, was genau es war, bis er sich eines Tages selbst inmitten einer seiner Vorlesungen unterbrach. Stille kehrte ein, dann richtete Monsieur Dubois, so plötzlich, wie er verstummt war, an das Auditorium die Frage: »Wo ist der Zusammenhang?« Ohne ein Wort der Erklärung, zog er ab, nicht ohne dabei jedoch jene Frage immer wieder vor sich hinzumurmeln. Dies war sein letzter Auftritt in einem Hörsaal unserer Universität. Monsieur Dubois verließ den Campus an diesem Tag und sollte ihn, soweit uns bekannt ist, nie wieder betreten.
Namentlich Madame Morisseau bedauerte sein Verschwinden aus der Öffentlichkeit. Nach eigener Aussage hatte sie den eigenbrötlerischen Junggesellen liebgewonnen, ohne, freilich, jemals ihrerseits von ihm ein Zeichen der Zuneigung erhalten zu haben. Nichtsdestotrotz ist Madame Morisseau davon überzeugt, dass Monsieur Dubois sie am Tage seines Todes ein letztes Mal aufgesucht hat. Sie liebte Schokoladentrüffel und Veilchen. Beides fand sie, ein Tütchen mit jenen und ein Sträußchen von diesen, auf der Schwelle ihres Gemischtwarenladens. Sie vermutet, diese Gabe von Monsieur Dubois in den frühen Morgenstunden des fraglichen Tages erhalten zu haben.
Es schiene allerdings unglaublich, dass Monsieur Duboisʼ Selbstmord sich bloß zufällig am gleichen Tag ereignet haben sollte, an dem Madame Morisseau das besagte Präsent erhalten hat. Zumal Madame Morisseaus Vorliebe für Veilchen und Schokoladentrüffel dem Selbst­mörder nicht unbekannt gewesen sein dürfte. Von beidem habe sie, berichtete uns Madame Morisseau, in der Gegenwart ihres Stammkunden oft geschwärmt. Wie sich dieser beides verschafft haben sollte, ist uns allerdings ein Rätsel. Sollte das Präsent aber doch von ihm hinterlassen worden sein, es wäre dies, soweit wir feststellen konnten, das erste und zugleich das letzte Mal gewesen, dass dieser seltsame Mann Anteilnahme an einem anderen Menschen gezeigt hätte.
Die Frage hingegen, wie Monsieur Dubois in den Besitz von Benzin gekommen ist, darf als beantwortet betrachtet werden. Hier hat die Gewissenhaftigkeit seines Nachbarn, Monsieur Albertini, Klarheit geschafft. Dieser hatte erst am Vortag den Benzintank seines Autos gefüllt. Am nächsten Morgen jedoch stellte Monsieur Albertini, der sich den Benzinstand genau gemerkt hatte, fest, dass sich über Nacht zehn Liter buchstäblich in Luft aufgelöst haben mussten. Stellen wir nun noch in Rechnung, dass Madame Noirot, die »nur einen leichten Schlaf habe«, in aller Frühe von Schritten im Treppenhaus geweckt worden ist und anschließend einen Schatten auf der Straße glaubt gesehen zu haben, so kommen wir zu dem Schluß, dass Monsieur Dubois (vermutlich) mit Hilfe eines Gummischlauchs zehn Liter Benzin aus Monsieur Albertinis Auto abgezapft und in einen blechernen Benzinkanister eingelassen hat. Einen solchen Kanister, der exakt zehn Liter zu fassen vermag, hat man, nachdem der Brand gelöscht worden war, nämlich bergen können.
Wir danken es dem beherzten Einsatz der Feuerwehr, dass das Feuer nicht auf andere Häuser übergegriffen hat. Das Anwesen von Monsieur Dubois aber war nicht zu retten. Wie der Besitzer hier gelebt hat, muss deshalb weitgehend im Dunkeln bleiben. Einen bemerkenswerten Fund allerdings machte man: Aus den Trümmern wurden zahlreiche Spiegel geborgen, die Monsieur Dubois, wir wissen nicht, wie lange schon, regelrecht gehortet haben muss. Vom handlichen kleinen Taschenspiegel bis hin zum mannshohen Standspiegel war alles zu finden. Vergeblich suchte man jedoch eine Antwort oder doch zumindest den Hinweis auf eine Antwort auf jene Frage, die Monsieur Dubois in den letzten Wochen seines Daseins keine Ruhe gelassen zu haben schien.